Manchmal wundern wir uns, ob Lesbarkeit wirklich das ist, worum sich alles drehen muss…
Es erstaunt uns immer wieder, wie unermüdlich in Fachkreisen über «Lesbarkeit» debattiert wird. Diese Fixierung lässt uns regelmässig befremdet zurück. Wir würden – in Anlehnung an Erik Spiekermann – eher sagen: «Die Unterschiede in der Lesbarkeit zwischen den gängigsten Schriften sind minimal» – der Rest wirkt wie typografisches Weissrauschen.
Wir erlauben uns sogar, noch weiter zu denken: und vertreten die Ansicht, dass die Optimierung der Lesbarkeit nicht die zentrale Aufgabe bei der Schriftwahl oder ‑gestaltung ist, sondern lediglich eine von vielen relevanten gestalterischen Aspekten.
Der Begriff selbst wird in der Branche erstaunlich vage verwendet und dient nicht selten als bequemer Vorwand. Hans Peter Willberg – eine anerkannte Autorität – hat längst klar differenziert zwischen Unterscheidbarkeit, Leserlichkeit und Lesbarkeit. Und tatsächlich: Unzählige weitere Faktoren beeinflussen das Textverständnis weit stärker als die Form einzelner Glyphen. Präsentation, Layout, semantische Struktur, Informationshierarchie – all das wirkt oft entscheidender als der buchstäbliche Zeichensatz.
«Wer nur auf Lesbarkeit setzt, liest selten weiter.»
Trotzdem herrscht im typografischen Umfeld gerne ein Schwarz-Weiss-Denken. In nicht wenigen Ateliers und Kommissionen finden sich Gruppen, die sich faktisch das Recht zusprechen, über die «Qualität» von Schriften zu befinden – als wären sie eine Art stilpolizeiliche Oberaufsicht. Und natürlich wird Lesbarkeit dort regelmässig als Totschlagargument missbraucht – meist ohne überprüfbare wissenschaftliche Evidenz.
Es sind übrigens nicht nur die «Traditionalisten» oder «Ewig gestrigen», die sich an diese Haltung klammern. Auch viele jüngere Typografen bewegen sich mit erstaunlichem Tunnelblick in denselben Denkmustern, fast so, als müssten sie den Ideologen von gestern gefallen.
Wir messen solchen Instanzen keinerlei Autorität bei. Wir setzen uns für maximale typografische Vielfalt ein, weil Schriftwahl für uns vor allem die Profilierung einer Markenpersönlichkeit ermöglicht – ein Bildraum für Inhalt, Identität und gestalterische Präsenz.
«Schrift ist Bild, Bild ist Schrift»
Wenn ein Text nicht gelesen wird, liegt das selten an der Schrift, sondern fast immer an einer uninteressanten Inszenierung, fehlendem Kontrast, schwacher Ordnung oder einem biederen Gestaltungsraster. Eine charakterstarke Schrift hingegen kann ein inhaltliches Fundament sichtbar machen, präzis akzentuieren und eine visuelle Erzählung öffnen.
«Design requires personality.»
Wir ermutigen Gestalterinnen und Gestalter dazu, mutiger zu denken, gängige Regeln zu hinterfragen und sich nicht von den «Korfähen» der Branche einschüchtern zu lassen. Wer Gestaltung ernst nimmt, weiss: Lesbarkeit ist wichtig – aber niemals wichtiger als Ausstrahlung, Haltung und Persönlichkeit. Und genau daran scheitern dann gerne die selbsternannten Qualitätswächter – diese charmant rückwärtsgewandten «Ideologen» –, die offenbar bis heute glauben, Typografie bestehe primär aus dem Nachbeten alter Dogmen.
Quelle: Willberg, Hans Peter & Forssman, Friedrich: «Lesetypografie», Verlag Hermann Schmidt Mainz, 2000.